
Als ich 1995 zum ersten Mal in Piccadilly Gardens, dem Zentrum von Manchester, stand, war mein erster Gedanke: ‘Schön häßlich hier. Ganz wie zu Hause in Dortmund.‘ Nun spross damals noch Unkraut aus den alten Fabrikgebäuden, die heute längst in schicke Wohnungen umgebaut worden sind; das Land am Hauptbahnhof, wo sich heute ein teures Hotel an das andere reiht, lag einfach brach und der Beetham Tower stand auch noch nicht. Auch in Dortmund hat sich seitdem vieles verändert – das meiste zum Guten. Aber trotzdem handelt es sich bei beiden immer noch um Städte, in die man sich erst auf den zweiten Blick verliebt. Alte Arbeiterstädte, mit denen es nach dem Einbruch der Industrie stark abwärts ging und die sich erst in den letzten fünfzehn Jahren wirklich haben erholen können; traditionelle Labour bzw. SPD-Hochburgen, die für die Bodenständigkeit ihrer Bewohner bekannt sind und wegen ihrer Industrie lange viele Migranten anzogen. Und vor allem sind es beide Städte, die heute in der Welt hauptsächlich für eines berühmt sind: Fußball. In Manchester steht auf Postkarten, die man im Touristikbüro in der Portland Street kaufen kann, ein Zitat vom früheren Man U-Spieler Eric Cantona: ‚Here there is an insane love of football, of celebration, of music.‘ Auf den Karten am Westenhellweg steht etwas prosaischer formuliert mehr oder weniger das gleiche: ‚Fußball und Bier, das sind wir.‘ Aber trotz der Berühmtheit von United, City und Borussia haben beide Städte noch immer ein großes Image-Problem. Als ich vor kurzem in Deutschland einem Freund erzählte, dass ein großer Teil der BBC von London nach Manchester umgezogen sei, entgegnete der entsetzt, dass das für die Mitarbeiter ja ähnlich schlimm hätte sein müssen, wie wenn man von München nach Castrop-Rauxel zöge. Und einige Londoner BBC-Leute empfanden das wohl wirklich so. Umgekehrt begegnete ich hier in Manchester vor einiger Zeit einer Dresdenerin, die auf ihre Frage, woher in Deutschland ich käme, verständnisvoll lächelte und dann sagte, dass sie gut verstehen könnte, dass ich mit 19 so schnell wie möglich ausgewandert sei. Aber zumindest bei den Jugendlichen aus Manchester, mit denen ich arbeite, gibt es seit einigen Jahren einen neuen Trend: Dortmund ist plötzlich cool. Und zwar nicht nur ein bißchen, sondern so richtig.Noch vor ein paar Jahren war es ziemlich umständlich zu erklären, wo ich herkomme. Aus einer Stadt bei Köln, sagte ich meist, was nicht in der Nähe von München oder Berlin (den einzigen Orten, von denen die meisten Manc-Teenies bisher gehört hatten) läge sondern dann schon eher in Richtung Holland. Dortmund klang für viele Briten genauso exotisch wie für uns Wythenshawe oder Mytholmroyd. Aber seitdem der BVB so richtig gut spielt, hat sich einiges geändert. ‚Oh mein Gott! Wir haben eine Lehrerin aus… Dortmund!‘ schrie letzte Woche ein Schüler seinen Klassenkameraden auf dem Schulkorridor zu, nachdem ich mich vorgestellt hatte. ‚And she knows how to pronounce Reus!‘ (dessen korrekte Namensaussprache den Kindern bisher ein großes Rätsel gewesen war) ‚And she has heard of Großkreutz!‘ Ich war plötzlich so beliebt, dass die Nachbarklasse gleich auch noch bei mir ins Zimmer herein wollte und das ganze fast in eine Massenschlägerei auf dem Schulhof ausuferte. Aber die Beliebtheit Borussias zur Zeit liegt nicht einfach nur an ihrem derzeitigen Erfolg. Viele Engländer mögen die Mannschaft vielmehr deshalb, weil sie so gar nicht dem Stereotyp der arroganten, langweiligen, leistungsorientierten Deutschen entspricht. Und wegen des Trainers, der es wichtiger findet, berauschend zu spielen als nur zu gewinnen und es schafft, selbst mit seinem nicht ganz perfektem Englisch die sonst ziemlich Anti-Deutsch eingestellten Reporter der Sun und Daily Mail zum Lachen zu bringen. Aber eigentlich hat Manchester sowieso schon eine kleine Schwäche für die Borussia: schließlich ist das Symbol der Stadt die Honigbiene. Schwatzgelb eben.